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Deutschland

Lauterbach goes Rokoko: Volksvertreter neuen Stils

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Der SPD-Politiker Karl Lauterbach äußerte sich herablassend über die Corona-Demonstranten in Berlin. Die Aussagen erinnern an das Machtbewusstsein einer aristokratischen Schicht.

„Über den Zaun“-Kolumne von Bettina Gruber

Schon mehrmals haben in letzter Zeit Auftritte deutscher Regierungspolitiker und Medienvertreter ungewöhnliche Bilder vor meinem inneren Auge hervorgerufen: Pastellfarben und Reifröcke, Perücken und bestickte Kniebundhosen, Rocaille-Dekor, geschliffene Spiegel und Porzellanskulpturen, bei denen sich Kavaliere über Damen beugen, flankiert von neckischen Amoretten mit Blumengirlanden. Der jüngste Auslöser dieser Bildassoziationen war diesen Mittwoch Karl Lauterbach, der leicht schrullig wirkende Gesundheitsexperte der SPD. Nun ist Herr Lauterbach nicht in Culottes, Schnallenschuhen und besticktem Gehrock gesichtet worden, aber er hat einen des Ancien-Régime würdigen Auftritt hingelegt.

Kontroverse um Infektionsschutzgesetz

Besagter Mittwoch, als Buß- und Bettag eigentlich ein Termin der Stille und der Einkehr, war ja sowohl der Tag, an dem das neue Infektionsschutzgesetz beschlossen werden sollte (und beschlossen wurde), als auch der einer Großdemonstration dagegen, die trotz allerlei Schikanen stattfand. Die Polizei setzte Wasserwerfer gegen die Bürger ein, Berlins Innensenator Andreas Geisel erklärte den Einsatz für alternativlos. Fast achtzig Polizeibeamte sollen verletzt worden sein. Das neue Gesetz schränkt de facto die Rechte der Bürger massiv ein – nicht nur die Alternative für Deutschland, sondern auch FDP und Linke stimmten dagegen. Der heftige Widerstand sollte für einen demokratisch gewählten Politiker im Normalfall ein Alarmzeichen und ein Anlass zu selbstkritischer Reflektion sein, und zwar unabhängig davon, wie er selbst zu den Maßnahmen steht. Ganz anders dagegen die Regierungsvertreter und besonders demonstrativ Karl Lauterbach: Der Gesundheitspolitiker twitterte aus dem Bundestag herab ein Foto, auf dem unten der dicht von Demonstranten gesäumte Bogen der Spree zu sehen ist.

Der Begleittext lautet: „Diese Leute werden mir heute nicht die gute Stimmung in Anbetracht der Erfolge beim Impfstoff verderben. Werde mit @igorpianist auf meinem Balkon darauf anstoßen.“ (Bei „IgorPianist“ handelt es sich um den hier schon neulich erwähnten, regierungsaffinen Klavierspieler Igor Levit.) Der herrenreiterische Anspruch des Posts wurde spontan verstanden und entsprechend kommentiert. Die protestierenden Mitbürger erscheinen nicht als solche, schon gar nicht als Teile jenes Volks, dem die Politik Rechenschaft schuldet, sondern als buchstäblich von oben herab betrachteter Plebs. Soll der doch sämtliche Zwangsmaßnahmen hinnehmen und sich später einen mangelhaft getesteten Impfstoff spritzen lassen, ich und mein Hofkünstler stoßen schon mal drauf an! Der Auftritt erinnerte nicht nur mich an Marie-Antoinettes angebliches Diktum „Dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Dieses ist zwar eine propagandistische Unterstellung, für die es keinen Beleg gibt, aber es kennzeichnet sehr gut, was die Menschen am Ancien Régime so aufbrachte, nämlich die ignorante Arroganz der Macht. Marie-Antoinette-Momente sind in letzter Zeit ziemlich zahlreich geworden.

Ob Krankenschwestern empfohlen wird, nach der Schicht nicht mit den Öffentlichen, sondern mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren, ob ganze Branchen wie die Gastronomie von Volksvertretern ruiniert werden, die sich sicherer Bezüge erfreuen, ob Demonstrationen wegen fehlender Abstände aufgelöst werden, nachdem die Polizei die Teilnehmer so zusammengedrängt hat, dass Abstandhalten unmöglich ist (wie jüngst in Leipzig) – überall offenbart sich ein überheblicher Zynismus, der an das Machtbewusstsein einer aristokratischen Schicht erinnert, die sich ihrer Position sicher weiß. Ende des 18. Jahrhunderts war das bekanntlich ein Irrtum. Anfang des 21., technologisch gestützt und im Gewande der Demokratie, wird es vermutlich funktionieren.


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