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Kultur

Es leben die Gallischen Dörfer! Fischer, Maron und die Cancel-Unkultur

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Der Verlag S. Fischer hat seine Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Monika Maron aufgekündigt. Kritisches Denken ist im deutschen Kulturbetrieb offenbar unerwünscht.

„Über den Zaun“-Kolumne von Bettina Gruber

Kennen Sie Monika Maron? Sollten Sie! Die fast achtzigjährige ehemalige DDR-Oppositionelle zählt zu den Fixsternen des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Ihr Roman Flugasche, der sich kritisch mit den Umweltschäden in der DDR auseinandersetzte, konnte 1981 dort nicht erscheinen. Stattdessen erschien er in Westdeutschland, was den Auftakt für eine lange und fruchtbare schriftstellerische Karriere bildete. Animal triste, Stille Zeile Sechs, Pawels Briefe, Munin oder Chaos im Kopf – alle ihre folgenden zahlreichen Bücher kamen, wie der Erstling auch, bei S. Fischer heraus, dem renommierten Verlag Thomas Manns und anderer Größen, der diese Grande Dame der deutschen Literatur damit fast vierzig Jahre lang, die Hälfte ihres bisherigen Lebens, verlegte. Alle ihre Bücher? Und „verlegte“? Nein, eines, ein Essayband, erschien in diesem Jahr woanders, gewissermaßen in einem kleinen gallischen Dorf des Verlagsbetriebs, der Reihe „Exil“ der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Und ja, „verlegte“, denn Fischer hat Monika Maron die Zusammenarbeit aufgekündigt, vorgeblich wegen eben dieses Publikationsortes.

Falscher Verlag

Der Wiener fragt hier vielleicht „Wie das, Travnitschek?!“, also der Reihe nach: Susanne Dagen ist im deutschen Kulturbetrieb alles andere als eine Unbekannte. Ihre Buchhandlung im Dresdner Stadtteil Loschwitz, direkt am berühmten Blauen Wunder, erhielt zweimal den Deutschen Buchhandlungspreis als „besonders herausragende Buchhandlung“. Das war freilich bevor die engagierte Buchhändlerin, die für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat sitzt, beim Establishment in Ungnade fiel. Und das mit der Ungnade kann heutzutage ziemlich schnell gehen. Im Fall Dagen reichte es, dass sie sich bei einem Interview für den Spiegel geweigert hatte, die Pegida-Geher in Bausch und Bogen zu verurteilen. Nicht mehr. Seither gilt sie als „rechte Aktivistin“, zumal sie mit ihrer „Charta 2017“ Stellung gegen sich verengende Gesinnungskorridore nahm und seit 2018 mit Ellen Kositza die Literatursendung „Aufgeblättert- Zugeschlagen. Mit Rechten lesen“ auf Youtube vorstellt.

Diese prononcierte Liebe zur Meinungsfreiheit kommt im „linkeralen“ Mainstream naturgemäß schlecht an, noch viel schlechter allerdings, dass sich Dagen dem Distanzierungsgebot dieser Instanzen verweigert und beim Vertrieb ihrer Exil-Reihe mit dem Antaios-Verlag zusammenarbeitet.

Worin besteht nun aber Monika Marons Vergehen? Die alte Dame sei „politisch unberechenbar“, ließ der Verlag wissen – offenbar ist demnach die erste Künstlerpflicht eines Schriftstellers nicht, gut zu schreiben, sondern „berechenbar“, also konform in allen Lebenslagen zu sein. Und: Nein, dem Werk und der Autorin selbst wolle man gar nichts zur Last legen, nur ihr Umgang verstört offenbar das zartfühlende „juste milieu“. Dass ihr Buch von einem rechten Verlag vertrieben werde, darüber könne man leider, leider nicht hinwegsehen.

Verweigerte Distanzierung

Diese Begründung ist natürlich, von ihrer Albernheit abgesehen, durchsichtig wie ein Schleier: Es ist klar, dass es Marons gender-, islam- und einwanderungskritische Positionen sind, die zu ihrem Ausschluss geführt haben. Kritisches Denken stellt im deutschen Kultur (oder besser: Ideologie-)betrieb offenbar ein echtes Problem dar: Fast zeitgleich mit dem Ausschluss Marons entschuldigte(!) sich die Süddeutsche Zeitung für eine Kritik an dem Pianisten Igor Levit, der AfD-Mitgliedern per Tweet das Menschsein abgesprochen hatte (!). Von Distanzierung wegen dieser menschenverachtenden Aussage weit und breit keine Spur, Levit ist im Gegenteil vor Kurzem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Maron, die sich selbst als liberal sieht und sich ihrerseits anständigerweise weigerte, von ihrer langjährigen Freundin Susanne Dagen abzurücken, ist einem Distanzierungszwangdomino zum Opfer gefallen, das symptomatisch für den desolaten Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland steht: Dagen hätte sich von Pegida distanzieren sollen, Maron von Dagen, und um sich nicht zu kontaminieren, distanziert sich der Verlag nunmehr von Maron. Das Argument zeigt ferner seine ganze Verlogenheit, wenn man sich klar macht, dass Antaios einen Versandbuchhandel betreibt, der alle lieferbaren Bücher liefert (auch die von Fischer!), wie das Versandbuchhändler eben machen. Dass Fischer sich jetzt seiner eigenen Logik zufolge selbst canceln muss, scheint mir unausweichlich. Ich sehe der Selbstabschaffung des Verlags als einzig wahrhaft korrektem Akt mit Interesse entgegen.


Über die Autorin:

Bettina Gruber hält in ihrer alle zwei Wochen erscheinenden Tagesstimme-Kolumne „Über den Zaun” ihre Eindrücke aus dem deutschen Nachbarland fest. Die Wienerin und Wahlsächsin hat lange Jahre sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands gelebt und dabei immer wieder festgestellt, wie verschieden die Mentalitäten doch sein können. Unter Klarnamen und wechselnden Pseudonymen Beiträge für TUMULT, Sezession und andere. Auf dem TUMULT-Blog bespielt sie in wechselnden Abständen die genderkritische Kolumne „Männerhass und schlechte Laune.“ Der letzte Artikel für die Printfassung, „Die Wissenschaft und ihr Double.“ TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung Heft 1 / 2020 Frühjahr 2020, widmet sich der grundsätzlichen Schwierigkeit, wissenschaftliche Ergebnisse in der Mediengesellschaft zur Geltung zu bringen und ist damit thematisch hochaktuell.

1 Comment

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    Gotthelm Fugge

    24. Oktober 2020 at 16:59

    Jetzt hat es auch sie erwischt.
    Monika Maron.
    Wird gemäß der Merkelchen “Völkischen-Links-Beobachter“ in bewährter Blockwartmanier als “politisch unberechenbar“ abklassifiziert.
    Den Gutmenschen-Haltungsmoralisten-Modernisierungsgewinnern-Globalisierungssiegern war sie eh ein massiver Dorn in deren tiefrot-&-linkslastigen-Islamauge.
    Ihr Roman “Artur Lanz“ gleicht mit vielen übertragbaren Parallelen einem “Professor Mamlock“.
    Nie hätte ich gedacht, dass solch eine gesellschaftliche Entwicklung mit einem derartigen unsäglichen Zeitgeist sich nochmals in DE wiederholen könnte.
    “WIR“ schaffen das!
    Fr. Maron steht in einer würdigen Reihe zahlreicher neuzeitlicher virtueller Bücher-Verbrannten.
    Ihre klugen Worte jedoch verhallen nicht.
    „Die Sache mit der Schuld ist wie ein Hütchenspiel. Es gewinnt immer, der sie verteilt“.

    Deutschland und sein immerwährender, generationenunabhängiger Schuldkomplex, dem man den autochthonen Teil der DE-Menschen immer dann überstülpt, wenn die Herrscherkaste und ihre nibelungengetreuen Kohorten nicht mehr weiter wissen.

    Mit dem ständigen Hinweis auf diese historische NS-Schuld wird spätestens am Ende aller Argumente mit der Nazikeule Deutschland (wieder einmal) mund- und wehrlos gemacht.
    Und wofür:
    Damit diejenigen, die nichts erlitten haben, auch in Zukunft weiter despotisch durchregierend abkassieren können, von denen, die nichts verbrochen haben.

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