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Gesellschaft

Nächster Schildersturm: Auch Martin-Luther-Straße in Berlin im Visier

Julian Schernthaner

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Der Ruf, vermeintlich oder tatsächlich historisch belastete Straßennamen abzuändern oder als nicht mehr zeitgemäß betrachtete Denkmäler zu schleifen, bekommt längst eine Eigendynamik.

Berlin. – In der deutschen Bundeshauptstadt gibt es neuerlich Aufregung um die Widmung eines Straßenzuges. Bei der so ins Kreuzfeuer geratenden Persönlichkeit handelt es sich um keinen geringeren als den Kirchenreformator und Bibelübersetzer Martin Luther. Eine Initiative will aufgrund einiger Stellen in seiner Vita die Martin-Luther-Straße im Stadtteil Schöneberg umbenennen.

Luther-Ansichten zu Minderheiten und Frauen als Auslöser

Grund dafür, so das „Prista-Frühbottin-Straßen-Team“, sei, dass Luther „in seiner Zeit für ausgebeutete Menschen, Minderheiten und Frauen eine sehr negative Rolle gespielt und – wo immer es ging – Öl ins Feuer der Auseinandersetzungen gegossen und bitterbösen Haß gesät“ habe. Dies berichtete die Junge Freiheit unter Berufung auf ein der taz vorliegendes Papier.

Sein Name sei zudem „Symbol für obrigkeitsstaatliche Hörigkeit bis ins Preußische Kaiserreich hinein.“ Nicht zuletzt habe er sich negativ gegenüber Juden und Frauen geäußert und Moslems als „Diener des Teufels“ bezeichnet. Behinderte Kinder habe er die Ertränkung in Aussicht gestellt. Im Gesamtbild sei sein Name „für die Menschen unserer Zeit […] nicht erinnerungswürdig“, so die Initiative.

Hingerichtete „Hexe“ soll neue Namenspatronin werden

An die Stelle Luthers soll ihrer Ansicht nach aber nicht etwa eine andere Person aus dem christlichen Kontext treten – sondern ausgerechnet ein zeitgenössisches Opfer der Hexenverfolgung. Denn die um 1490 geborene Prista Frühbottin wurde im Jahr 1540 ausgerechnet in Wittenberg, einer wichtigen Stätte des Wirkens Luthers wegen des Vorwurfs der Zauberei gemeinsam mit ihrem Sohn hingerichtet. Wie originale Quellenaus der Zeit belegen, handelte es sich dabei um eine besonders grausame Hinrichtung.

So schreibt der Reformator Johannes Mathesius: „Zu Wittenberg schmäuchte man auch vier Personen, die an eichenen Pfählen emporgesetzt, angeschmiedet, und mit Feuer wie Ziegel jämmerlich geschmäucht und abgedörrt wurden.“ Insgesamt betrafen von 1540 bis 1674 diverse Hexenprozesse in der Stadt mindestens 21 Menschen. Der Rat der Lutherstadt Wittenberg billigte 2013 die sozialethische Rehabilitation der einstigen Opfer dieses Treibens.

Umbenennung trotz aktueller Debatte unwahrscheinlich

Dass es wirklich zu einer Umbenennung der zentralen Nord-Süd-Achse in Berlin-Schöneberg kommt, ist allerdings übrigens eher unwahrscheinlich. Denn obwohl im Stadtteil mit SPD, Grünen und Linkspartei eine linke Koalition regiert, steht man auch bei den Entscheidungsträgern dieser Fraktionen dem Vorschlag skeptisch gegenüber. Nichtsdestotrotz reiht sich die Idee in eine Reihe ähnlicher Forderungen im deutschsprachigen Raum.

In Berlin kam die Idee einer Umbenennung etwa der Mohrenstraße in Wedding samt zugehöriger U-Bahn-Station sogar von einer grünen Politikerin. Als die Verkehrsbetriebe dann ankündigten, den Öffi-Knotenpunkt nach der nahegelegenen Glinkastraße zu benennen, war es erst wieder nicht recht. Denn der russische Komponist Michail Glinka als deren Namenspatron habe angeblich in einem seiner Werke antisemitische Klischees bedient…

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