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Küste der Träume – Reportage auf Lesbos (Teil II)

Redaktion

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Lesbos ist einer der Brennpunkte der europäischen Migrationskrise. Die Situation auf der Insel hat sich längst gefährlich zugespitzt. Tagesstimme-Chefredakteur Stefan Juritz war bereits im März für das Freilich-Magazin vor Ort. Im zweiten Teil berichtet er über Gespräche mit Einheimischen und einen Antifa-Überfall. (Hier geht es zu Teil I der Reportage.)

Reportage von Stefan Juritz

Anfang März nun sind wir in Mytilini und beziehen unsere Unterkunft gleich in der Nähe des Hafens. Es ist mittlerweile Abend geworden, und wir beschließen, einen ersten Lokalaugenschein zu unternehmen. Die Dutzende Migranten, die wir vorhin rund um den Hafen sahen, sind jetzt weg. Entweder sind sie mit dem Bus zurück nach Moria gefahren oder zu Fuß dorthin gegangen. Wenn man jetzt durch die Einkaufsstraßen schlendert, fühlt man sich wieder wie auf einer ruhigen Urlaubsinsel, und man gewinnt fast den Eindruck von Normalität.

Wir beschließen, uns in ein Restaurant zu setzen und eine Kleinigkeit zu essen. Außerdem hoffen wir, mit Inselbewohnern ins Gespräch kommen zu können, um mehr über die Situation auf Lesbos zu erfahren. Nur zwei Gehminuten von unserer Unterkunft in Richtung Hafen entfernt spazieren wir an einer kleinen und auf uns typisch griechisch wirkenden Gaststätte vorbei. Das Lokal ist fast leer. Nur an einem Tisch sitzen noch zwei Personen. Das Personal begrüßt uns sehr freundlich. Noch vor dem Essen stellt uns die Kellnerin zwei Gläser Ouzo an den Tisch. Sehr erfreut stoßen wir auf die überstandene lange Reise an.

Gespräche mit Einheimischen

Während wir auf unsere Bestellung warten, betrachten wir die sehr urige Innenausstattung des Lokals. An den Decken und Wänden hängt allerlei landwirtschaftliches Gerät, ein Wagenrad etwa, und ein Jagdgewehr sowie ein hölzernes Ding, das wie ein Pflug aussieht. Auf einem kleinen Balkon, der sich über dem Durchgang zum zweiten Raum befindet, steht – von grünem Licht in Szene gesetzt – eine weibliche Schaufensterpuppe, die in traditionelle griechische Tracht gekleidet ist. Sämtliche weißen Stellen an den Wänden sind mit schwarzem Filzstift beschriftet. Das meiste davon steht auf Griechisch, manches aber auch auf Englisch und Französisch geschrieben. Es dürfte sich wohl um Botschaften von Gästen handeln. Direkt neben uns lesen wir eine Botschaft von 2016: „Refugees welcome“. Die Zeiten haben sich hier eindeutig geändert

Bild: privat.

Während des Essens kommen wir mit der Wirtin Andrea ins Reden. Sie arbeitet eigentlich im IT-Bereich an der örtlichen Universität, erzählt sie uns. Doch wenn ihr Mann am Abend beim Fußball ist, dann schmeißt sie den Laden. Sie interessiert sich dafür, was wir hier machen. Wie Touristen würden wir nämlich nicht wirken, und außerdem seien sowieso kaum noch welche auf der Insel, sagt sie in sehr gutem Englisch. Wir erzählen, dass wir aus Österreich kommen und an einer Reportage über Lesbos arbeiten, bei der wir besonders auch die Perspektive der Einheimischen berücksichtigen wollen. Sie scheint sich zu freuen. Insgesamt werden wir an diesem Abend fast drei Stunden mit ihr reden. Man merkt, wie wichtig es ihr ist, uns die Situation der Inselbewohner genau zu schildern.

„Es ist eine Lose-lose-Situation“

Andrea erzählt, dass die Einwohner hier besonders am Höhepunkt der Asylkrise 2015 bis 2016 sehr hilfsbereit gewesen seien. „Wir sind keine Rassisten“, stellt sie klar. Im Gegenteil, sie glaubt, dass Inselbewohner generell „offener“ seien als die Leute vom Festland. Doch die Entwicklung der letzten Jahre habe die Einstellung der Einheimischen geändert. Viele hätten nun die Schnauze voll. Die Wut richte sich dabei weniger gegen die illegalen Migranten, sondern besonders gegen die Politik. Neben der Migrationskrise gebe es mittlerweile auch wirtschaftliche Probleme. Viele Geschäfte hätten in den letzten Jahren bereits zugesperrt. Natürlich treffe auch der ausbleibende Tourismus die Insel. Man bemerke auf Lesbos einen Verlust der Lebensqualität, sagt sie. „Es ist eine Lose-lose-Situation.“ Für die Einheimischen und für die Migranten.

Andrea zufolge ist die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in den letzten Jahren gestiegen. Auch ihr Restaurant war davon betroffen. Es seien Afrikaner eingebrochen und hätten einen Laptop und alles, was irgendwie wertvoll aussah, mitgenommen. Für solche Straftaten bringt sie nur wenig Verständnis auf. Kriminelle Migranten solle man ihrer Ansicht nach abschieben. Diese würden nämlich ein schlechtes Licht auf alle übrigen werfen. „Es gibt hier genug, die wirklich leiden.“

„Die Leute vertrauen der Polizei nicht mehr“

Wir wollen von ihr wissen, wie sich das Zusammenleben auf der Insel im Alltag gestaltet. Doch offenbar gibt es das gar nicht. Es existieren zwei Parallelgesellschaften. Man bleibt unter sich. Von der Regierung fordert Andrea endlich Lösungen. Wie diese Lösungen aussehen könnten, weiß sie jedoch auch nicht. Doch schließlich seien die Politiker dafür gewählt worden, wie sie betont. „Manche Migranten müssen jedenfalls von der Insel gebracht werden.“ Und zwar in feste Anlagen, nicht in Zeltstädte wie in Moria. Was die Einheimischen hier jedoch nicht haben wollen, sei ein neues Camp auf der Insel.

Andrea erzählt uns von den Protesten, die sich so gewalttätig entwickelt haben. Sie sei selbst dabei gewesen, mit Freunden aus der Stadt. Es hätten dort hauptsächlich einfache Bürger und ganze Familien protestiert. Sehr kritisch sieht sie den Einsatz der Spezialeinheit MAT, bei dem auch auf friedliche Leute Tränengas geschossen worden sei. „Die Leute hier vertrauen der Polizei nicht mehr.“
Die Leute sind wütend und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Das Lager Moria platzt weiter
aus allen Nähten, und auch die Polizei ist vollkommen überfordert.

Attacken auf NGOs

All das bringt die Einheimischen zur Verzweiflung und führt dazu, dass sich einige von ihnen organisieren. Sie versuchen mittlerweile im Stil von Bürgerwehren, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Dabei scheinen die Hemmungen immer weiter zu fallen. Sie errichten Straßensperren und verprügeln NGO-Mitarbeiter. Andrea rät uns deshalb, auf dem Weg nach Moria einen Presseausweis mitzunehmen, um nicht fälschlicherweise für NGO-Mitarbeiter gehalten zu werden. Die NGOs sind auf der Insel sehr unbeliebt geworden, man gibt ihnen eine Mitschuld an der illegalen Migration. „Ich bin mir sicher, die meisten von ihnen haben gute Absichten“, meint die Griechin. Aber manchen der NGOs wirft sie vor, einfach nur Geld machen zu wollen.

Doch der Zorn der Inselbewohner trifft nicht nur NGO-Mitarbeiter, sondern auch Journalisten. In den
letzten Wochen wurden vermehrt ausländische Reporter von wütenden Einheimischen angegriffen. Auch uns trifft es am nächsten Tag in einer Einkaufsmeile in der Nähe des Hafens. Allerdings haben wir es hier nicht – wie befürchtet – mit aufgebrachten „Wutbürgern“ zu tun, sondern mit linksextremen Antifa-Schlägern.

Linksextreme greifen an

Es ist jetzt Freitagvormittag, die Sonne scheint, und es herrscht reger Betrieb in den Straßen der Stadt. In der Nähe des Hafens treffen wir uns mit zwei Kollegen aus Deutschland zum Frühstück. Danach nehmen sie uns mit zu einem Treffen mit einem Einheimischen, der uns die Gegend zeigen und verschiedene Leute vorstellen möchte. In der Einkaufsstraße unterhalten wir uns mit einer griechischen Ladenbesitzerin. Da sie viele Jahre in Deutschland gelebt hat, spricht sie hervorragend Deutsch. Die Situation auf der Insel schildert sie uns ähnlich wie Andrea am Vorabend. Auch sie berichtet von negativen Erfahrungen, und ebenso wie Andrea will sie, dass sich diese Krise endlich bessert. Beide Frauen sind keinesfalls Ausländerfeinde. Die Ladenbesitzerin schildert ihr Mitgefühl, wie sie abends daheim sitze und sich um die Frauen und Kinder im überfüllten Lager oder in den ankommenden Schlauchbooten sorge. Doch auch sie hat ihre eigenen Probleme, um die sie sich kümmern muss. Die zusätzliche Belastung durch die tausenden Asylwerber auf der Insel ist zu viel für sie.

Mitten in diesem Gespräch greift uns plötzlich – wie aus dem Nichts – eine Gruppe vermummter Linksextremer an. Sie tragen zum Teil Motorradhelme bei sich, und mindestens einer ist sogar mit einem Teleskopschlagstock bewaffnet. Sie sind zwar in der Überzahl, trotzdem können wir durch rasches Handeln unsere Ausrüstung sichern und den Angriff letztlich abwehren. Einer der beiden Deutschen muss später aber mit einer Platzwunde am Kopf und einem blauen Auge im Krankenhaus behandelt werden.

Ein Abend bei der Polizei

Der Antifa-Trupp hat sich schon aus dem Staub gemacht, als die Polizei eintrifft . Die Beamten bringen uns auf die Wache, damit wir dort den Vorfall schildern und anzeigen können. Was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen: Wir werden dort bis am Abend warten müssen. Ein Polizist erklärt uns, dass seine Kollegen gerade nach den Angreifern suchen und man nach Ladenschluss alle Überwachungskameras in der Gegend des Überfalls prüfen werde. Wir sollen bis dahin bleiben, um die Täter im Falle von Festnahmen gleich identifizieren zu können. Die Polizei gibt sich also tatsächlich Mühe bei den Ermittlungen.

In all den Stunden behandeln die Beamten uns sehr freundlich und versorgen uns immer wieder mit Getränken. Sie erzählen, wie schwierig ihre Arbeit geworden sei. Die Situation verschlechtere sich stetig, es entstehe immer mehr Chaos. Die Exekutive brauche mehr Ressourcen und Personal, erklärt einer der Beamten. Hier an der griechisch-türkischen Grenze wird der Anfang einer neuen Migrationswelle wie von 2015 aufgehalten, dessen sind sie sich bewusst. Die meisten Migranten hier auf Lesbos gäben als Wunschziel Deutschland an, erzählen die Polizisten im Gespräch. Man erledigt hier also auch die Arbeit für die restlichen Europäer. „Die Probleme auf Lesbos sind die Probleme ganz Europas.“

Als wir am Abend die Polizeistation endlich verlassen können, raten uns die Beamten, die Hauptstadt aus Sicherheitsgründen zu meiden. Auch uns ist nach dem Überfall und den mittlerweile erschienenen – abstrus verzerrten – Medienberichten klar, dass wir unsere Arbeit hier abbrechen müssen. Um weiter in Ruhe recherchieren zu können, ist die Insel einfach zu klein und die Lage zu unübersichtlich. Wir entschließen uns also, am nächsten Morgen die Heimreise anzutreten. Nichtsdestotrotz konnten wir wichtige Eindrücke gewinnen.

Kein Ende der Gewalt in Sicht

Auf Lesbos spielt sich eine Tragödie ab, die hier alle gleichermaßen betrifft und stetig droht, endgültig zu eskalieren. Die griechische Regierung verspricht zwar schnellere Asylverfahren und Abschiebungen, wirkt aber letztlich überfordert und ratlos. Zwar hat Griechenland als Reaktion auf die türkische Grenzöffnung seit März für einen Monat das Asylrecht ausgesetzt, um neu ankommende Migranten wieder zurück in ihre Heimatländer bringen zu können, doch wird sich die Situation auf der Insel dadurch nicht ändern. Die aufkommende Corona-Pandemie könnte die Lage sogar noch verschärfen. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

So viel ist sicher: Lesbos ist ein Pulverfass an der Außengrenze Europas, ein Pulverfass, das die Grenze für alle anderen Europäer schützt, damit sich „2015“ nicht wiederholt. Doch die Inselbewohner fühlen sich von ihrer Regierung und den anderen EU-Staaten im Stich gelassen und verraten. So, wie Andrea beim Abschied am ersten Abend meinte: „Wir wollen kein Geld, wir wollen ein normales Leben.“

Weiterlesen:

Küste der Träume – Reportage auf Lesbos (Teil I)

Die gesamte Reportage erschien im April 2020 in der Ausgabe 8 des Freilich-Magazins. Hier kann man die Ausgabe bestellen bzw. Freilich abonnieren: https://freilich-magazin.at/ausgabe-8-2020/

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