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Kultur

„Konservativenbeschimpfung“: Ein Weckruf zur rechten Zeit

Marvin Timotheus Neumann

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Umfragetalfahrt der AfD: Die Auflösung des Flügels, giftige Tweets, Meuthens Spaltungsüberlegungen in der Öffentlichkeit. – Es scheint gar keinen besseren Zeitpunkt für Manfred Kleine-Hartlages »Konservativenbeschimpfung« zu geben.

Rezension von Marvin Timotheus Neumann

Man stelle sich vor: Eine Pandemie wirbelt die postmoderne Welt auf, westlich-liberale Regierungen handeln zu spät und zu zögerlich, die Infiziertenzahl schießt durch die Decke, das öffentliche Leben wird zwangsweise abgestellt, internationale Lieferketten sind unterbrochen, die Wirtschaft droht zu implodieren, Massenarbeitslosigkeit ist nicht zu vermeiden, es folgt die Einschränkung der Bürgerfreiheiten, möglicherweise die Abschaffung des Bargelds oder sonstige Ausweitungen technokratischer Überwachungsmechanismen. Ein scheinbar perfekter Sturm zieht auf und stellt die globalisierte Weltordnung infrage. In der Folge brechen sich schon aufgegeben geglaubte Räume bahn: Die Bühne für das Comeback der Nationalstaaten scheint bereitet, die Renationalisierung »systemrelevanter« Produktionsindustrien wird offen theoretisiert und selbst Grenzschließungen sind auf einmal wieder möglich. Doch welche Schritte werden nach diesem Weckruf genau unternommen? Wandelt die Welt weiter konsumtrunken auf dem Pfad in den Techno-Globalismus, oder wird der real existierende Globalkapitalismus samt seiner Profiteure zugunsten freier Nationen gebändigt werden? Eine historische Zäsur deutet sich an. – Und was treibt die einzige patriotische Oppositionspartei Deutschlands zu dieser Stunde? Sie zerfleischt sich selbst.

Ein Psychogramm des Konservativen

Im Zuge des Corona-Chaos drängt eine sich überdehnende, innere Spannung der AfD an die Oberfläche, welche durch strategische Spitzeleien des Verfassungsschutzes angeregt und von bestimmten Personen bereitwillig angenommen, die Partei vor eine Zerreißprobe stellen könnte. Bei diesem Konflikt geht es neben üblichen Machtspielchen zentral um die Identität der Partei, also im Prinzip um den schon seit langem gärenden Richtungsstreit aller konservativ-patriotischer Oppositionsparteien. An welche geistigen Traditionslinien will man anknüpfen, um sich heutzutage wirklich konservativ verstehen und positionieren zu können? Knüpft man bei Burke bis Bismarck, vielleicht auch de Maistre und Dávila sowie Jünger und Spengler an? Oder bilden von Hayek, Mises, Rothbart bis Baader das ideologisch-weltanschauliche Fundament für die Zukunft? Bleibt man also mehr oder minder die Resterampe eines Konservatismus, der sich unbedingt seriös, neoliberal und allzu oft mit den Begriffen „bürgerlich“ und „sachlich“ beschmückt, doch bloß als konformistisch und für die Träger des Zeitgeists harmlos entpuppt? Ein Konservatismus, der seit Jahrzehnten verliert und der sich unter erhöhtem Druck statisch, kurzsichtig und insgesamt sowieso nur als reaktionärer Liberalismus entlarvt, dem es mehr um Marktpartizipation als den Erhalt kultureller Traditionen und sozialer Substanzen geht. Oder will man authentisch Fundamentalopposition, der Gegenentwurf zum angeblich alternativlosen Globalismus sein, gar zur idealistischen Avantgarde einer abendländischen Konterrevolution werden, mit Visionen und alternativen Angeboten für die Ära post-corona?

Kleine-Hartlage geht diesen großen Fragen zum Glück nicht über inhaltliche Debatten nach. Er bietet etwas, gerade im Angesicht der derzeitigen Spaltungsversuche, viel Wichtigeres: eine personelle Lageanalyse. Er erstellt ein kleines Psychogramm, praktisch die Mentalitätsschablone eines aus der Zeit und ehemaliger Machtposition gefallenen Politikerschlags, der allzu oft hinter seiner als liberal-konservativ verklärten, festgefahrenen Dogmatik doch nur seine heimliche Sehnsucht nach Anerkennung der Mächtigen und der Erlaubnis, wieder am Rockzipfel der Großen in Davos hängen zu dürfen, kaschiert. Der niemals das tut oder ausspricht, was ihm tatsächlich den eines Tages erhofften Anschluss am Establishment kosten könnte und damit stets sein Lager und seine Ideale als Kompromiss zu opfern bereit ist. Es geht dem Autor genau darum, diesen Prototyp des politischen Personals, das als parlamentarischer Widerstand gegen einen alles durchdringen wollenden Globalismus steht, zu skizzieren und damit dringendst notwendige konstruktive Kritik anzubieten. Die polemische Präzision tut dabei so manchem Leser wohl weh, doch es ist bekanntlich wahr: Lesen kann halt auch brutal sein.

Die Elite, die keine mehr ist

Als ehemaliger Linker verfügt Kleine-Hartlage zweifelsfrei über einen klareren Blick auf das „konservative Dilemma“. Einem Linken, mit revolutionärem Gestus, ideologischem Fanatismus und grundsätzlicher Affinität zur Rolle des ewigen Revoluzzers, mag die eklatante Harmlosigkeit jener Konservativer, die seit über einem halben Jahrhundert den Grund unter ihren Füßen verlieren, äußerst schleierhaft erscheinen – und wie vom Autor vermutet, auch Historiker in ferner Zukunft noch beschäftigen. Doch in seinen Augen ist der Konservative aufgrund des eigenen Selbstverständnis gar nicht zur erfolgreichen Konterrevolution imstande, da er die als Zeichen für seine Systemverträglichkeit gepriesene Bürgerlichkeit mit einer allgemeinen Harmlosigkeit implizit gleichstellt und demgegenüber seinem nicht so bürgerlichen, da vielleicht aus dem Arbeitermilieu kommenden Gesinnungskameraden, als Gegenstück die Radikalität oder fehlende Seriosität unterstellt. Während die „harmloseren“ Parlamentslinken ihre radikaleren Geistesgenossen nie verleugnet und somit den Anschluss für den Marsch der 68er geebnet haben, versucht der Krawattenkonservative den nichtbürgerlichen Konservativen, vulgo Rechten, so weit weg wie möglich und nur so nah wie nötig zu halten. Kleine-Hartlage vermag dieses Verhalten prägnant zu attestieren: Konservative fahren die „Radfahrer-Mentalität: nach oben buckeln, nach unten treten“.

Mit dieser bürgerlichen Essenz ihres Konservatismus ist das eigene Selbstverständnis als Behüter und Verwalter der überlieferten und etablierten Institutionen längst zum Handicap geworden. Denn, der „Abstieg aus der staatstragenden Elite, zu der sie sich zugehörig fühlen und aus der viele von ihnen stammen, zu einer Opposition, der man geradezu amtlich die Seriosität (also genau das, worauf es ihnen ankommt) abspricht, hat viele von ihnen nicht dazu veranlaßt, die Machtstrukturen zu hinterfragen“. Dass eben diese Machtstrukturen heute von einem ganz anderen, nämlich linksliberalen Bürgertum besetzt sind, welches komplett andere Weltanschauungen hegt und gesellschaftspolitische Ziele verfolgt als sie, sorgt bei vielen Konservativen trotz allem nicht für die notwendige, längst überfällige, fundamentale Separation von dieser Obrigkeit.

Ein aus der Zeit der eigenen Establishmentsbegründung übrig gebliebener Elitarismus, der auf eine fortbestehende, imaginierte Zugehörigkeit zum Machtzentrum schielt, macht den selbsternannt bürgerlichen Konservativen ebenfalls taub für Kritik innerhalb des eigenen Lagers, denn wer „ideologisch weiter von den Herrschenden entfernt ist als der Konservative selbst, hat aus dessen Sicht überhaupt kein Recht ihn zu kritisieren, zumindest aber keinen Anspruch auf Gehör“. Dieses hierarchische Paradigma, in dem der Konservative operiert, ist (heutzutage) das seines politischen Gegners: Ein fundamentales Problem, das die Unfähigkeit, der Verschiebung des Overton-Fensters nach links zu widerstehen bedingt und ebenfalls die Gefahr beherbergt, mit konservativen Oppositionsparteien nur eine auf Abruf bereitstehende Ersatzfunktionselite bei gewünschter, oberflächlicher Kurskorrektur der Eliten aufgebaut zu haben – ein Grund, weshalb die AfD sich von Personen wie Lucke, Petry und Co. trennen musste, die eine Alternative als Mehrheitsbeschaffungspartei für das »bürgerliche« Establishment sein wollten.

Anbiederung und rhetorische Anpassung

Aufgrund einer gemeinsamen, vermeintlich aufklärerisch-bürgerlichen Sozialisierung verbleibt eine seltsam schizophrene Loyalität zum politischen Gegner, während der patriotische, aber etwas derbere Arbeiter aus der Heimat, der eben einer anderen Gesellschaftsschicht entspringt, dann im Zweifelsfall im Regen stehen gelassen wird. Der Wunsch zur Teilnahme beim Sektempfang im Smoking ist nun mal größer als die Bereitschaft zum Biere mit den Blaumännern. Das seltsame Phänomen, dass trotz offenkundigem Hasses aus den herrschenden Reihen, eine Anbiederung und rhetorische Anpassung (also eine signalisierte Untertänigkeit und Bereitschaft, sich nach den vom Gegner diktierten Regelwerk dressieren zu lassen) immer noch beziehungsweise immer mehr als zentrale Strategie im politischen Wettkampf gewählt wird, ist für den Autor allerdings mehr noch als fehlendes realpolitisches Gespür oder Bereitschaft zur Fundamentalopposition das Resultat von Charakterlosigkeit des Konservativen.

Die Taktik, seine eigenen Überzeugungen aufgrund erhoffter Anschlussfähigkeit im Salon der Macht zu verschweigen, entpuppt sich seit langem als Irrweg, schlimmer noch als Zeichen von Charakterschwäche: Der Konservative mag zwar in der Tat nichts vom Sozialexperiment »Gendergaga« halten und dies provokant postulieren – seine religiös begründete Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften hält er dann aber im Zweifelsfall doch lieber für den privaten Stammtisch auf. Da die herrschende Elite es geschafft hat, „daß zu den Funktionseliten im engeren und weiteren Sinne nur noch zugelassen wird, wer ein für liberale Systeme historisch beispielloses Maß an ideologischer Konformität an den Tag legt“, muss mit jeder Annäherung ans Machtzentrum eine inhaltliche, rhetorische und auch personelle Kastration stattfinden.

Dieser wird beim Ausblick auf begehrte Pöstchen im Zweifelsfall nachgegeben und als neuer Status Quo akzeptiert. Die mit dem Begriff »Distanzeritis« gut beschriebene Unart konservativer Parteien und ihrer Politiker, allen dem Establishment zu gefährlich werdenden Verbündeten in den Rücken zu fallen, ist eben auch oftmals auf fehlende menschliche Integrität rückzuführen. Eine fundamentale Veränderung der bestehenden Verhältnisse ist nun mal gar nicht die Absicht des Liberal-Konservativen, lediglich das Zurück, also eine leichte Kurskorrektur, die sich in der Regel nur auf die Forderung nach niedrigeren Steuern, kontrollierter Einwanderung oder maximal der Abdankung Merkels beschränkt. Und selbst dafür ist der Kampf mit den Herrschenden und all ihrer Systemhelfer dann doch viel zu oft schon ein zu großer Preis. Die Zeit für eine grundsätzliche Reflexion des politisch-ideologischen Personals oppositioneller Parteien und Strukturen ist im Schatten der Corona-Thematik definitiv überfällig und dank Manfred Kleine-Hartlage ist für diesen Zweck ein kompaktes Vademecum vorhanden. 80 Seiten notwendige Klarheit, für 8,50 € bei Antaios.

Hier bestellen: Manfred Kleine-Hartlage: „Konservativenbeschimpfung“.

4 Comments

4 Comments

  1. Avatar

    Zickenschulze

    14. April 2020 at 11:32

    Erst wenn es für die Leute aus den schwindelerregenden Summen der Kredite, von denen sie heute ihr Dasein bestreiten, nichts mehr zu beißen gibt, dann werden sie sich besinnen, welches Buch sie lesen, welchen Nachrichten sie ihre Zeit widmen und wem sie auf der Bühne noch Glauben schenken.

    Der Krug führte in der Retro Perspektive dann sprichwörtlich zum Brunnen bis er brach.

  2. Avatar

    Manuela

    14. April 2020 at 13:35

    Die Analyse über das Wesen des „Konservativen“, des „Bürgerlichen“, ist nicht von Kleine-Hartlage selber erdacht, sondern abgelesen von Alex Kurtagic „Warum Konservative immer verlieren“ 978-3-944422-35-0 Reihe kaplaken, Band 35 vom gleichen Verlag. Für ihn ist klar, die Rechte muß sich über kurz oder lang von den Fesseln der Konservativen trennen.

    „Die Rechte muß sich von den Konservativen lösen: Letztere sind nur anders angepinselte Liberale und verlieren alles – nur eben langsamer.“

  3. Avatar

    S.G.

    15. April 2020 at 11:50

    Wie „Manuela“ es schon richtig anmerkte…

    Manfred Kleine Hartlages Werk sollte im Zusammenhang mit Alex Kurtagic „Warum Konservative immer verlieren“ (Verlag Antaios) gelesen werden.

    Beide Werke bilden eine perfekte Ergänzung.

  4. Avatar

    Picard

    15. April 2020 at 14:55

    Das ist ein ganz entscheidender Satz im Artikel:

    „Eine fundamentale Veränderung der bestehenden Verhältnisse ist nun mal gar nicht die Absicht des Liberal-Konservativen, lediglich das Zurück, also eine leichte Kurskorrektur, die sich in der Regel nur auf die Forderung nach niedrigeren Steuern, kontrollierter Einwanderung oder maximal der Abdankung Merkels beschränkt. Und selbst dafür ist der Kampf mit den Herrschenden und all ihrer Systemhelfer dann doch viel zu oft schon ein zu großer Preis. “

    Das ist exakt der Grund, warum diese sog. „Liberalkonservativen“ Deutschland niemals retten werden können. DENN SIE VERTRETEN EINE POLITIK, die die DEUTSCHEN ZUR MINDERHEIT IM EIGENEN LAND machen würde. Ja, ihr habt richtig gelesen.

    Alles, was diese Leuten fordern, sind Kurskorrekturen und Reförmchen, die aber die Minderheitswerdung der Deutschen und der Enstehung einer neuen muslimisch-afrikanischen Bevölkerungsmehrheit nicht mehr verhindern können – ja noch nicht mal lange hinauszögern können.

    In Deutschland haben laut Statistischem Bundesamt mehr als 40% Unter-5-Jährigen Kinder einen Migrationshintergrunf – bundesweit. Im Westen sind diese Anteile noch höher.

    Gleichzeitig würde, wie kürzlich selbst Daniel Thym von der Migrationslobby „Sachverständigenrat Migration (SVR)“ gegenüber der „WELT“ zugab, die Migrantenbevölkerung selbst bei einer Nullzuwanderung immer weiter anwachsen.

    Die „Liberalkonservativen“ fordern zwar ein paar Verschärfungen in der Asylgesetzgebung befürworten aber, dass Zuwanderung über das Asylgesetzgebung weiter stattfinden soll. Darüber hinaus fordern sie noch zusätzliche Einwanderung nach nach dem „Vorbild“ des staatsmultikulturellen Einwanderungslandes Kanadas. (Kanada lässt jedes Jahr 300 000 überwiegend nichteuropäische Migranten ins Land. Auf die Bevölkerungszahl Deutschlands hochgerechnet wären das ~ 700 000 Migranten. Wie soll das unser Vorbild sein)

    Man muss kein Demografie-Experte oder Statistiker sein, um sich ausrechnen, was passiert, wenn man weitere Einwanderung in großem Stil zulässt, während die Migrantenbevölkerung schon von ganz allein immer weiter anwächst.

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