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Gesellschaft

Schadenfreude auf Deutsch und Englisch. Nationalmasochismus geht immer

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Bettina Gruber widmet sich im ersten Beitrag ihrer neuen Tagesstimme-Kolumne „Über den Zaun“ dem nationalen Selbsthass der deutschen Nachbarn. 

Kolumne von Bettina Gruber

Dass der britische Premierminister Boris Johnson nicht nur an Corona erkrankte, sondern Anfang dieser Woche auf die Intensivstation musste, hat viel Häme hervorgerufen. Johnson hatte bekanntlich zunächst das Konzept einer „kontrollierten Durchseuchung“ verfolgt, aus der sich schnellstmöglich die sogenannte „Herdenimmunität“ ergeben sollte. Nach einer Verschlimmerung der Zustände im Vereinigten Königreich war er gezwungen, davon abzurücken.

Schadenfreude – typisch deutsch?

Seine Erkrankung bot vor diesem Hintergrund den idealen Anlass für alle Hasser auf den Premier einzuschlagen. Den Vogel schoss mit zwei albernen Tweets der Satiriker Martin Sonneborn ab, der als Spitzenkandidat der deutschen Satirepartei Die PARTEI im Europäischen Parlament sitzt und sich mit „Zwinker-Smiley“ daran erfreute, dass es „bei der Schaffung von Herdenimmunität“ den „dämlichen Leithammel“ als erstes erwischt habe. Das Echo auf die Entgleisung des in der Welt vor Kurzem als „absoluter Gutmensch“ (positiv gemeint!) gefeierten Sonneborn fiel ablehnend aus, wenn es auch nicht sonderlich laut war. Die bei jeder missverständlichen Aussage eines AfD-Politiker stets empörungsbereiten deutschen Mainstreammedien haben es vorgezogen, den Kommentar in ihren Organen zu beschweigen.

Mich interessiert hier aber etwas anderes: Sonneborns, um bei seiner Ausdrucksweise zu bleiben, dämliche Einlassung provozierte nämlich ihrerseits Kommentare, die in der Schadenfreude etwas „typisch Deutsches“ erblicken wollten. Marc Felix Serrao, Chef des Berliner Büros der NZZ, lobt den britischen Humor als selbstironisch, während der deutsche (der Subtext lautet: sofern vorhanden) selbstverständlich so aussieht: „Sich einen Menschen vorzunehmen, dem es schlecht geht, das ist, well, sehr deutsch.“ Dass das, „well, sehr deutsch“ ist, würde ich bezweifeln. Sehr deutsch ist es dagegen, ohne jede empirische Basis von seinen eigenen Landsleuten stets das Schlechteste anzunehmen.

Im konkreten Fall kann man sich mit einem Blick auf Twitter überzeugen, dass Sonneborn hier eben nicht „sehr deutsch“ (was immer das sei) reagiert hat. Aussagen wie „Man, I hope this fucker drops dead just like all the rest of the old rich white male assholes who ain’t worth a shit“ oder „From the bottom of my heart I hope Boris Johnson dies and it‘s painful“ sind da selbsterklärend.

Die fashionable Haltung des deutschen Anti-Germanismus kann auch in noch weit gehässigeren Formulierungen zutage treten: „ZE GERMAN schadenfreude daissiewieder: kein herz, kein stil, kein klasse. so wie man deutschland kennt“, ließ der Chef-Redakteur der Welt, Ulf Poschardt, die Leser seines Twitter-Feeds wissen.

Deutscher Selbsthass

Wenn diese Bemerkung nicht unter die Rubrik „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ fallen sollte, dann gibt es eine solche nicht. Gruppenbezogen menschenfeindlich ist man im Nachbarland vor allem, wo es um das eigene Volk geht, besonders in den Bildungsschichten, die sich für weltoffen halten und dabei gerade in ihrer nationalen Selbstverachtung, die ein Unikum darstellen dürfte, provinziell sind.
Der Tweet ist bemerkenswert ob seiner multiplen Bösartigkeit: Die Deutschen können demnach erstens nicht akzentfrei Englisch (offenbar im Gegensatz zur Mehrheit der, sagen wir, Italiener, Franzosen und Albaner?!) und sind deshalb Hinterwäldler, von denen Herr Poschardt sich dankenswerterweise abhebt (Motto: „Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin, wie diese!“). Schadenfreue ist zweitens, wie wir oben schon gehört haben, eine typisch deutsche Eigenschaft, eben GERMAN Schadenfreude großgeschrieben. Schließlich wird es ja auch als Lehnwort in verschiedenen Sprachen verwendet, deren Sprechern dieses Gefühl daher fremd sein muss, oder etwa nicht? Dieses Argument, das auf Twitter auch zu finden war, ist etwa so sinnvoll, wie die Annahme, das Fehlen des Wortes „Gemütlichkeit“ außerhalb des deutschen Sprachraums deute auf grundsätzliche Ungemütlichkeit nicht-deutscher Lebenswelten.

„Deutschland“ hat außerdem, so erfährt der Poschardt-Leser, „kein Herz“, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass das Land ununterbrochen „Flüchtlinge“ aufnimmt, ohne zu fragen, ob es sich tatsächlich um solche handelt. Auch die 10,2 Milliarden die 2019 als Etat für Entwicklungshilfe zur Verfügung standen sind ein untrügliches Indiz für Herzlosigkeit.

Den Vorwurf, dieses „Deutschland“, habe „keinen Stil“ und „keine Klasse“, lasse ich auf sich beruhen. Der Soziologe Pierre Bourdieu verfasste einst einen soziologischen Klassiker mit dem Titel „Die feinen Unterschiede“, der sehr schön beschreibt, wie „Stil“ und “Klasse“ als Strategien der sozialen Selbsterhöhung funktionieren. Im deutschen Fall funktionieren sie verlässlich besonders gut auf Kosten der eigenen Nation.


Über die Autorin:

Bettina Gruber hält in ihrer alle zwei Wochen erscheinenden Tagesstimme-Kolumne „Über den Zaun“ ihre Eindrücke aus dem deutschen Nachbarland fest. Die Wienerin und Wahlsächsin hat lange Jahre sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands gelebt und dabei immer wieder festgestellt, wie verschieden die Mentalitäten doch sein können. Unter Klarnamen und wechselnden Pseudonymen Beiträge für TUMULT, Sezession und andere. Auf dem TUMULT-Blog bespielt sie in wechselnden Abständen die genderkritische Kolumne „Männerhass und schlechte Laune.“ Der letzte Artikel für die Printfassung, „Die Wissenschaft und ihr Double.“ TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung Heft 1 / 2020 Frühjahr 2020, widmet sich der grundsätzlichen Schwierigkeit, wissenschaftliche Ergebnisse in der Mediengesellschaft zur Geltung zu bringen und ist damit thematisch hochaktuell.

2 Comments

2 Comments

  1. Avatar

    w b

    10. April 2020 at 16:44

    guter artikel. danke und weiter so.

  2. Avatar

    Patrick

    10. April 2020 at 18:17

    Danke für den tollen Artikel! Spricht mir aus der Seele.

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