Connect with us

Meinung

Die Pornofrage und die Postmoderne

Marvin Timotheus Neumann

Published

on

Auf den sozialen Medien ist in den letzten Wochen erneut eine alte Debatte aufgeflammt: Die Frage nach einem moralisch und gesellschaftlich verträglichen Umgang mit Pornographie. Erscheint dies auf den ersten Blick antiquiert, zeigt die rege Beteiligung an der Debatte ihre Aktualität und Dringlichkeit.

Kommentar von Marvin Timotheus Neumann

Empirisch ist nach einem knappen Jahrhundert seit der „sexuellen Revolution“ der 68er einiges über die Auswirkungen von Pornographiekonsum bekannt. Seitdem das Internet den Zugang vereinfacht und über Smartphones praktisch uneingeschränkt mobil gemacht hat, sind diese deutlich messbarer aufgetreten und erforscht worden. Die Erkenntnisse sind besorgniserregender als es den meisten bewusst sein mag.

Veränderungen im Gehirn

Das Gehirn erleidet durch regelmäßigen Pornokonsum starke Veränderungen, was besonders bei Jugendlichen verheerend ist. Der Dopaminhaushalt wird gestört, was im schlimmsten Fall Depressionen auslösen kann. Die sofortige Stimulierung und der damit verbundene Dopaminschub sorgen für eine verstärkte Verfolgung solcher digitaler und direkt verfügbarer Belohnungserfahrungen. Die Fähigkeit, für spätere, reale Befriedigung zu warten oder zu arbeiten, also die Fähigkeit zur Disziplin, wird damit wesentlich geschwächt. Durch das schiere Überangebot an hyperrealistischer Darstellung aller Arten von sexuellen Aktivitäten und Fetischen erscheint das mit Aufwand verbundene reale Sex- und Beziehungsleben noch mal langweiliger, was etliche andere Probleme auslöst. Für diese überzogen künstliche Darstellung von Sexualität und ihre überwältigende Exposition ist der Mensch schlicht nicht geschaffen.

Nach einer Weile ergibt sich eine historisch einmalige Situation, in der heutzutage junge, potente Männer nicht einmal mehr den natürlichen Drang, junge Frauen kennenzulernen, verspüren. Dies plagt hingegen nicht nur Europa und Amerika, auch andere westliche Staaten, besonders asiatische Länder wie Südkorea und Japan, sind von ähnlichen Problemen betroffen: Immer mehr junge Paare, die kein aktives Sexualleben pflegen. Auch stellte sich heraus, dass Pornographie gewisse Teile des Hirns infantilisieren lässt. Heranreifende Männer werden beziehungsweise bleiben somit harmlose und fügige Kinder.

Aber auch physische Auswirkungen gehen damit einher: Erektionsprobleme bei jungen Männern sind in diesem Zusammenhang keine Seltenheit mehr. Darüber hinaus können Trägheit, Libidostörungen, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder chronische Schamgefühle als Symptome von regelmäßigem Pornokonsum ausgemacht werden. So ist es kein Wunder, dass die Pornosucht offiziell als solche anerkannt wurde und als reales Problem neben Alkoholismus oder anderer Suchterkrankungen steht. Auch die Internetseite nofap, welche aktiv Pornosüchtigen bei der Bewältigung ihrer Dämonen hilft, adressiert die verheerenden Folgen.

Die linke Liebe für den Schmuddelfilm

Die katastrophale Auswirkung von Pornographie, nicht nur auf den einzelnen, sondern auf die ganze Gesellschaft, ist hingegen eigentlich nichts Neues.

Mit dem Hofieren von Personen wie Katja Krasavice im Netz und Fernsehen (mit Teenagern als Publikum), der Frühsexualisierungsagenda an Schulen und nun mehr sogar Angriffen der Mainstreampresse auf die Partizipanten des „No-Nut-November“ (das Vorhaben junger Männer, einen ganzen Monat lang weder zu masturbieren noch Pornoseiten zu besuchen), ist eine Debatte über gesunde Sexualmoral schier unmöglich. Pornosucht gäbe es gar nicht, heißt es, die Konsequenzen seien fiktiv und die Problematisierung vom Pornokonsum wäre laut linken Medien scheinbar sexistisch und irgendwie schon proto-faschistisch, weil die Ablehnung von sexuellem Exzess und absoluter Freizügigkeit puritanisch, also einem Reinheitsideal nacheifernd wäre – was dann natürlich mit Eugenik in Verbindung gebracht wird. Wer der Perversion nur annähernd entgegentritt und gesunde Moralnormen wünscht, ist in der postmodernen, hyperliberalisierten Clownwelt eben bereits ein Nazi.

Der Streitpunkt

Doch die Internet-Rechte schläft nicht und hat wiederholt mit kantigen Memes und verbalen, überspitzten Angriffen auf Akteure der Pornoindustrie für Gesprächsstoff gesorgt. Dabei melden sich auch Persönlichkeiten wie Matt Walsh zu Wort. Der Grund weshalb diese Debatte wieder erneut aufflammt, liegt in der Zuspitzung der Lage:

Pornographie unterscheidet sich heutzutage von der aus den 70ern. Alle Arten von Perversionen, von fetischisiertem Gruppensex bis hin zu Inzest- oder Vergewaltigungsphantasien, werden bedient. Ein Prozess der Abstumpfung setzt ein, bei dem der Betrachter immer widerlichere und extremere Vorlagen benötigt, um ein bestimmtes Level an sexueller Erregung zu erfahren. Ein kränkeres Video nach dem anderen wird angeklickt – ein ähnlicher Vorgang wie bei Drogenabhängigen. Und dieses Suchtmaterial existiert nicht lediglich als unappetitliche Nische im Darkweb, an die es schwer heran zu kommen wäre, sondern als gängige Kategorien auf den Unmengen an Internetseiten, die praktisch wie Sex-YouTube-Plattformen aufgebaut und frei verfügbar sind.

Die meisten Jugendlichen sehen sich im Alter von 12 Jahren zum ersten Mal mit pornographischen Inhalten konfrontiert. Kinder und Jugendliche haben nahezu keine Hindernisse mehr, um an sexuelle Inhalte zu gelangen. Mussten vorherige Generationen heimlich in den Playboy vom großen Bruder reinhaschen oder bis zum Volljährigwerden abwarten, um in einer abgesonderten Abteilung der örtlichen Videothek an die gewünschten Kassetten zu gelangen, reicht heute ein einfacher Klick auf einen „Ja, ich bin älter als 18 Jahre“-Button und die härtesten und abartigsten Filme können in Überfülle konsumiert werden.

Die fruchtlose Postmoderne

Wie soll damit umgegangen werden? Es handelt sich hier offensichtlich nicht bloß um gewalttätige Videospiele oder Horrorfilme. Mögen diese ihre eigenen Probleme bei zu frühem Konsum mit sich bringen, ist die Auswirkung von Hardcore-Pornos im pubertären Alter weitaus katastrophaler. Während die längste Zeit angenommen wurde, junge Männer würden dadurch zu Vergewaltigungen ermutigt werden, scheint sich eher das Gegenteil einzustellen. Junge Menschen werden weniger sexuell aktiv, weniger fruchtbar, passiver.

Erotische Kunst, von der Antike bis in die frühe Neuzeit, diente einst als eine Art sexuelles Aphrodisiakum, das zum sinnlichen Akt inspirieren und das Liebesleben anregen sollte. Sie war in Form von Nymphen, Sirenen, Fruchtbarkeitsgöttinnen und ihrer Stammbäume formuliert lebensbejahend, während Pornos das genaue Gegenteil verkörpern. Heutige Hardcore-Pornographie ist ein Ersatz für das Sexuelle. Es ist in der Tradition der Aufklärung eine späte Dekonstruktion von Sexualität, welche ihr das Mystisch-Metaphysische, das Lebensschaffende und Romantische nimmt, und es durch den rein physisch-materiellen, kontextlosen, animalischen Akt ersetzt.

Der postmoderne Westen ist nicht „hypersexuell“, wie oft verlautbart, er ist plastisch und impotent. Junge Mädchen erscheinen zwar frühreifer, lassen sich Brüste und Lippen behandeln und erscheinen wie griechische Grazien auf sozialen Medien – haben aber immer weniger Kinder und werden immer später Mütter, wenn überhaupt. Und auch junge Männer mögen vielleicht mehr ins Fitnessstudio gehen als noch vor zehn Jahren, doch sexuelles Interesse an echten Frauen und dem Kinderkriegen – nicht bloß an virtuellen Darstellungen – schrumpft, verliert an Reiz und Notwendigkeit. Sex findet selbstverständlich weiterhin statt, doch ist dieser nur noch eine Unterhaltungsaktivität, er ist vollständig entsakralisiert und fast gänzlich vom Geschenk der Lebensschöpfung separiert worden. Die niederen Triebe sind als Kaufreize genutzt von allem kulturellen Kontext befreit. Der sexuelle Akt ist lediglich eine weitere Konsumoption, dem ökonomischen Prinzip Untertan.

Sex muss heute auf dem Befriedigungsmarkt mit digitaler Überstimulation konkurrieren, mit hochauflösender Darstellung von Dingen, an die nicht einmal Casanova zu denken wagte, und verliert diesen Kampf in einer Welt ohne Tabu und gesunder Normen. Das Resultat sind scheiternde Beziehungen, weniger Eheschließungen, kaputte Familien und niedrige Geburtenziffern. Dies stellt offensichtlich eine moralische und gesellschaftliche Katastrophe dar.

Der Streit um den richtigen Umgang

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit dieser Krise gibt im rechten Lager die bereits zuvor skizzierte Trennlinie eines konservativ-neurechten und eines liberal-konservativ-libertären Spektrums wider. Während erstere die veränderte Lage und unfassbar verheerende Problematik anerkennen und somit die Möglichkeiten an angemessenen Reaktionen abwägen, möchten (einige) letztere (besonders in den USA) nicht von den alten Dogmen abweichen. Gesinnungslibertäre verteidigen das Recht der Pornoindustrie, verweisen auf gewisse liberale Ideen (inklusive der Meinungsfreiheit), und gehen davon aus, dass man Kinder sowieso nicht davon abhalten könne und es letztendlich die Aufgabe der Eltern sein müsse, dort ein Auge drauf zu werfen. Zensur wäre unmoralisch, umso mehr, wenn es der Staat vollzieht. Doch diese Argumentation ist scheinheilig und schwach. Die heutige Gesellschaft hat nicht länger die moralischen Normen, Familienstrukturen oder sonstigen Gegebenheiten der Adenauerrepublik, die solchen Ideen Raum gäben.

Im Zeitalter der Digitalisierung können Eltern unmöglich kontrollieren, was ihre Kinder wann und wo vor die Nase gesetzt bekommen. Und selbst wenn die Pornoindustrie von Gesetzen und altliberalen Prinzipien geschützt wird, sollte man sich angesichts der veränderten, gefährlichen Umstände die Frage stellen, was denn tatsächlich wichtiger ist: Der Schutz einer moralisch degenerierten Multimilliarden-Industrie, die auf Kosten der Gesundheit junger Menschen (das gilt für die Konsumenten ebenso wie für die oftmals ausgebeuteten Akteure in den Filmen) ihr Geld macht, nur um abgenutzter Dogmen des letzten Jahrhunderts zu huldigen, oder doch die Gesundheit und das Schicksal einer ganzen Generation und damit die Zukunft unseres Volkes?

Die Maßnahmen müssen auch gar keiner radikalen Extreme entsprechen, dafür ist gesellschaftlich sowieso kein Konsens oder ausreichende Willenskraft und Moral mehr vorhanden. Was aber durchaus sinnvoll anklingt, ist die Einführung einer Registrierung von Nutzern auf Pornoseiten, inklusive der Verifizierung der Daten via Personalausweis. Für andere Plattformen und Wirtschaftsbereiche, wie etwa dem Goldhandel oder sogar von Microtransaktionen für Videospiele, ist dies längst Gang und Gebe, und auch die Massen an Pornoseiten stellen ein Geschäftsmodell dar. Dazu noch ein unvergleichbar destruktives. Wenn man also bereits Zigaretten und zu hohem Fleischkonsum den Krieg erklären will, warum nicht auch den Pornos?

Click to comment

You must be logged in to post a comment Login

Leave a Reply

Beliebt