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Meinung

Das Feindbild Boomer: Eine Generation im Kreuzfeuer

Marvin Timotheus Neumann

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Mit dem Spruch „Ok, Boomer“ wird seit einigen Monaten von rechter Seite auf abgekaute Phrasen, hochgehalten von Angehörigen der Baby-Boomer-Generation (Jahrgänge ~ 1945-1965), im Netz reagiert.

Kommentar von Marvin T. Neumann

Der zynisch-ironische Spruch soll unterstreichen, dass gewisse Konzepte und politische Standpunkte nicht mehr zeitgemäß und somit nutzlos geworden sind. Und das nicht aufgrund eigener progressiver Überzeugungen, sondern im Hinblick auf den Stand der Dinge und der Tatsache, dass viele Strukturen und Verhältnisse, auf die sich die Boomer gerne beziehen, gar nicht mehr existieren oder ihre Strategien einem beschränkten Paradigma entspringen. Neuerdings wird ebendieser Satz von linker Seite verwendet und findet seitdem im massenmedialen Diskurs Gehör. Doch weshalb bekommen die Boomer es von beiden Seiten um die Ohren?

Der liberal-konservative Boomer

Als typisch zu benennen wäre das vehemente Beharren auf bestimmte klassisch-liberale Binsenweisheiten: dass jede Form von Einschränkung auf lange Sicht scheitern würde; dass Zensur nie funktioniere; dass alle Menschen westlich-aufgeklärt leben wollten (ungeachtet ihres ethnokulturellen Hintergrunds); dass alles letztendlich ökonomisch zu lösen wäre; dass Israel nie und unter keinem Umstand als einzig westlich-liberaler Staat im mittleren Osten zu kritisieren wäre und natürlich, dass das altindustrielle Großkapital als Rückgrat der Nation um jeden Preis zu verteidigen wäre – ungeachtet der entgegenkommenden Abneigung. Zu dieser Sorte gehört ein großer Teil der isolierten Werte Union innerhalb der CDU und leider auch der Funktionärsriege der AfD.

Besonders penetrant ist dabei die Übernahme des links-moralischen Deutungswerkzeugs: Das ultimative Böse erscheint immer in der Form des Faschismus, ungeachtet der Monstrositäten, die links-marxistische Systeme und Bewegungen darstellen – wobei diese dann ja auch nur die altbekannten „rotlackierten Faschisten“ sind. Man versucht ständig zu zeigen, dass ja die anderen die eigentlichen Faschisten/Rassisten/Antisemiten seien.

Somit handelt es sich dann bei der Antifa nicht um eine rein linksextremistische Gruppe, sondern eigentlich um sogenannte „Linksfaschisten“, und auch die linksradikalen Klimaaktivisten der Extinction Rebellion sind, laut Beatrix von Storch, natürlich „Klimanazis“. Dass man ein Spiel mitspielt, das man nicht gewinnen kann, will dabei nicht verstanden werden, zu sehr sitzt man selbst in der von linker Kontrakultur geprägten Gedankenwelt fest.

Der rechte Boomer

Aber auch einige Rechte der Boomer-Generation haben ein Talent dafür, mit bestimmten, ungehobelten Attitüden immer reichlich für schlechte Bilder zu sorgen. Bestimmte Videoclips oder schlecht gestaltete Memes, die dann durch Handygruppen gejagt werden und ein Klischee nach dem anderen bedienen, sind vermutlich jedem bekannt. Natürlich auch die obligatorischen Spitznamen für unliebsame Persönlichkeiten wie die „Klimagretel“.

Ein ganz schlimmer Schlag wäre der Reichsbürger. Damit sind nicht unbedingt die Angehörigen dubioser Gruppierungen gemeint, viel mehr diejenigen, die darauf beharren, dass die Bundesrepublik in keiner Form einen legitimen Staat darstellt. Und dass es daher besonders clever wäre, über die Themen „Feindstaatenklausel“ und „Friedensvertrag“ bei jeder Gelegenheit zu diskutieren und dies auch gerne den Parteien als Strategie zu empfehlen. Der sogenannte Kalergi- und der Hooton-Plan dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Es ist allgemein der Wutbürger, der – wenn auch durchaus zurecht erbost – seinen Unmut mit oftmals schlecht recherchierter Argumentation und noch schlechter selektierter Wortwahl zum Ausdruck bringt.

Der linke Boomer

Aber natürlich ist so gut wie jeder Boomer in seiner Jugend eigentlich mehr oder weniger ein Linker gewesen. Es war der größte Teil der Boomer-Generation, der in Deutschland in erster Linie als 68er-Bewegung bekannt ist. Junge Menschen, die in einem Zustand wirtschaftlichem Aufschwungs, einer Ausweitung an Opportunitäten jeder Art und einer von den Restbeständen traditionell-christlich geprägter Zivilisation zusammengehaltener Gesellschaft aufwuchsen – und sich damit rühmen, dieser den Todesstoß verpasst zu haben.

Statt eines sicheren Jobs mit Altersvorsorge, einem Haus mit Vorgarten, Auto, Kindern und Hund, haben sie sich lieber für Drogen und Orgien im Schlamm auf Rockkonzerten entschieden. Zugegeben betrifft dies hauptsächlich die Hippies und stellt eine polemische Zuspitzung dar, doch die linke kontrakulturelle DNA ist jedem Boomer gemein: die persönliche Freiheit geht über alles, jedem das Seine und linke Massenmörder sind trotzdem ein klein wenig besser als rechte Massenmörder – weil die ja irgendwie einer eigentlich guten Idee nacheiferten.

Die Aneignung des Boomer-Memes von links

Doch die neulinke Jugend hat für ihre Vorgänger anscheinend nicht viel übrig – die Revolution frisst ja bekanntlich ihre eigenen Kinder. Die Radikalität der Hippies gegen die Tradition ist den „woken Millenials“ nicht radikal genug gewesen und eigentlich sind sie mit ihren homophoben, sexistischen und xenophoben Grundüberzeugungen mehr Feind als Freund.

Schließlich sind sie heute mehrheitlich alte weiße Männer, die nichts für Transsexuelle und People Of Color unternommen hätten – Althippie oder ehemaliger Mao-Fan hin oder her. Auch haben sie damals keine Kohlekraftwerke geschlossen, im Gegenteil, sie haben sogar teils versucht, dem patriotisch gesinnten Arbeiter die Hand zu reichen – für den progressiven Stand des current year eine Unfassbarkeit. Somit haben linke Teenager seit kurzem angefangen, ihre dekadente Lebensweise und absurden Perversionen gegenüber Kritik von älteren Mitmenschen mit dem „Ok, Boomer“-Meme auf verschiedenen sozialen Plattformen zu verteidigen.

Diese Stilisierung zum Opfer einer angeblich intoleranten, biedermeierschen Gesellschaft ist natürlich ursprünglich die Grundlage des Selbstverständnis eben jener Boomer gewesen, die nun, alt und nicht mehr vollständig im Gang der Zeit, kein Verständnis für Gesichtstattoos, Ohrtunnel oder Männer in Kleidern haben. Die linke Spirale dreht sich aber nun mal weiter und stoppt nicht bei langen Haaren und Schlaghosen.

Der tragische Boomer

Unterm Strich kann man festhalten: „The left can’t meme.“ Es ist erneut ein Motiv der Rechten gewesen, das angeeignet und verzerrt wurde. Wurden die Alt-68er-Boomer ursprünglich für ihren Verrat an den Vorfahren und dem Überlieferten, für ihre blinde Loyalität zu Strukturen, die längst auf sie pfeifen und zu Strategien, die uns nicht helfen können, auf die Schippe genommen, äußert sich mit der linken Adaption des Memes lediglich ein verfestigtes Ressentiment gegenüber den Ahnen und der eigenen Identität.

Für Rechte ist der Boomer ein Produkt von Dekadenz und Indoktrination, von Amerikanisierung im Zuge der Westbindung und Verrat am Eigenen als Folge des Umerziehungsprogramms. Für Linke ist er der bösartige Kapitalist, der auf Kosten der heutigen Generation und der nicht-weißen Menschheit verschwenderisch lebte und nun mit seinem SUV die Welt zu vernichten droht.

Kein rechter Generationenkrieg gegen Boomer

Wie man es auch wendet, der Boomer dient mittlerweile beiden Seiten als Boxsack, doch sollte man aufpassen. Ja, bestimmte Boomer oder ein gewisser Boomer-Habitus im eigenen Lager gehört angemessen kritisiert, aber dem Generationenkrieg, den die Linke daraus basteln will, sollte die patriotische Rechte nicht beitreten.

Viele großartige Männer und Frauen, die für ihre Heimat, Vorfahren und Nachfahren tagtäglich den Kopf hinhalten, verdienen Anerkennung und selbst ein Althippie ist ein Vorfahre und gehört somit, im Zweifel, für alte Sünden nicht verstoßen.

3 Comments

3 Comments

  1. Avatar

    Heimatvertriebener

    22. November 2019 at 19:24

    Obwohl knapp außerhalb der angegebenen Zeiten möchte ich doch ein wenig widersprechen.
    Zitat: „Aber natürlich ist so gut wie jeder Boomer in seiner Jugend eigentlich mehr oder weniger ein Linker gewesen. Es war der größte Teil der Boomer-Generation, der in Deutschland in erster Linie als 68er-Bewegung bekannt ist. Junge Menschen, die in einem Zustand wirtschaftlichem Aufschwungs, einer Ausweitung an Opportunitäten jeder Art und einer von den Restbeständen traditionell-christlich geprägter Zivilisation zusammengehaltener Gesellschaft aufwuchsen – und sich damit rühmen, dieser den Todesstoß verpasst zu haben.“
    Das hier Geschriebene sehe ich als durchaus zutreffend, allerdings nur auf einen ganz bestimmten Teil der damaligen Jugend. Und da ich damals, mitten in Westberlin, durchaus nicht fern vom Geschehen lebte, meine ich, mir auch ein Urteil erlauben zu dürfen.
    Anfang der 60er Jahre studierte halt nicht jeder Zweite, es gab auch noch genügend junge Menschen, die in einem Handwerk Genugtuung und ein durchaus lohnenswertes Einkommen fanden. Ebenso wie in Handel, Industrie und im Staatsdienst.
    Nicht so wenige ehemalige Studenten konnte man bald bei Taxi-Fahrten kennen lernen. Mehr sah man bei Protesten gegen die USA und alles Bürgerliche überhaupt. Der grausame Tod des dicht an der Mauer verblutenden Peter Fechter wurde zum Anlass für antiamerikanische Demonstrationen genommen. Die Stasi Mörder ließen den angeschossenen Flüchtling elend dicht am Grenzzaun verbluten, ehe sie ihn wie einen schweren Sack wegschleppten. Ob die US Streitkräfte hätten eingreifen können, vermag heute niemand mehr zu sagen. Vielleicht wäre es gut gegangen, vielleicht hätten die Mauermörder aber auch auf sie geschossen.
    Mit Beginn des Vietnam Krieges weiteten sich die Proteste deutlich aus. Es werden nicht nur Studenten demonstriert haben, aber sie stellten wohl die deutliche Mehrzahl.
    Als nicht so (ein)gebildeter junger Mensch hatte man damals andere Sorgen. Der Wohnungsmangel war ein großes Thema, Wehrdienstverweigerer kamen en masse in die Stadt und verstärkten die linke Szene. Schon die Sorbonne war bekanntlich ein Hort linken Denkens, lange vor dem zweiten Weltkrieg. Warum also auch nicht in Deutschland? Auch die Buben Willy Brandts waren bei mancher grenzwertigen Situation dabei und schafften die Erwähnung ihrer namen in der Presse.
    Einen Höhepunkt der damals auch so genannten „Studentenproteste“ (es waren tatsächlich auch Frauen dabei, trotz alten Namens) war der Besuch des persischen Schah. Auf der einen Seite die „Jubel-Perser“, auf der anderen unsere lieben 68er. Polizei dazwischen, genau wie heute. Die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Kriminalpolizisten verursachte dann die bis dato wohl größten Krawalle. Ein böser Schlag des Schicksals ließ die (Mord?)tat durch die Hand eines Stasi Spions geschehen. Ich glaube zwar nicht, dass ihn die Stasi dazu aufgefordert hat, indes, wissen kann man es nicht bei dieser Mörderbande. Klar war, dass durch diese Handlung alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt wurde.
    Besonders schlimm finde ich, dass dieser Lump nicht etwa, wie so viele Andere, von der Kommunistenbande erpresst wurde, sondern sich absolut freiwillig „der guten Sache“ zur Verfügung stellte. Nach seiner leider viel zu späten Enttarnung, wo nun fast alles verjährt war, schrieb die Presse: Er war der Ansicht mit seiner Tätigkeit bei der Westberliner Polizei „keiner guten Sache zu dienen“.
    Wo war sein Problem? Er hätte doch einfach im Minen- und Mauernstaat „Zuflucht gefunden. Dann wär er wohl von Sudel Ede im Adlershofer Studio präsentiert worden, aber er hätte nicht morden müssen.
    Danke fürs viele Lesen von einem die damalige Zeit Erlebenden.

  2. Avatar

    Henriette

    23. November 2019 at 14:32

    Die Kinder von dieser Generation haben meistens die Einstellungen der Eltern übernommen! Außerdem werden die Menschen allgemein immer radikaler. Nach jedem längeren Gespräch mit heutigen jungen Leuten (ca. 20 bis 25), die noch dazu gut in die Gesellschaft integriert sind, war ich schockiert, wie intolerant anderen Meinungen gegenüber diese sind!! Die „Boomer“ sind wohl harmlos dagegen.

  3. Avatar

    Henriette

    23. November 2019 at 20:30

    Nur als Hinweis:
    DNA ist die englische Abkürzung (A steht für acid), DNS ist die richtige Abkürzung im Deutschen (S für Säure).

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