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Politik

Südtirol: Aufregung um Telefonbuch mit Bozner Siegesdenkmal

Julian Schernthaner

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In Südtirol gehen die Wogen hoch, weil das aktuelle regionale Telefonbuch auf seinem Titelbild das während des italienischen Faschismus erbaute Siegesdenkmal abbildet.

Bozen. – Die regionalpatriotische Süd-Tiroler Freiheit (STF) ist außer sich wegen der Verwendung des Siegesdenkmals „auf einer Ebene“ mit dem Bozner Dom am Umschlag der Weißen Seiten. Ihrer Ansicht nach führe die „jahrzehntelange Relativierung und Beschönigung der faschistischen Relikte“ dazu, dass viele Menschen dieses überhaupt als Wahrzeichen der Landeshauptstadt an Etsch und Eisack wahrnehmen würden.

Thaler vermisst „notwendige Sensibilität“

In einer Aussendung bezeichnet die Partei die Gestaltung des Umschlags des neuen Telefonbuchs als „äußerst geschmacklos“. Gerade ein Herausgeber eines öffentlichen Telefonverzeichnisses solle nämlich „die notwendige Sensibilität“ haben, nicht mit einem „faschistischen Propagandabau“ zu werben, so Werner Thaler, Leitungsmitglied der Südtiroler Freiheit.

Siegesdenkmal: Süd-Tiroler Freiheit fordert Entfernung

Das Bauwerk verherrliche ein „menschenverachtendes Regime“ und richte sich „in beleidigender Form gegen die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung“. Seine Partei bleibe bei der Forderung, dass das Denkmal überhaupt entfernt werden müsse, da alle Versuche der Neuinterpretation gescheitert seien.

Dessen „rassistische Inschrift“ verkörpere jedenfalls „die faschistische Ideologie in Perfektion“. Es stelle eine „Beleidigung für die Südtiroler“ dar, bleibe „Ausdruck eines Kulturverbrechens und der Geschichtsfälschung“. In dieser Hinsicht habe es bis heute „nichts von seiner Bedeutung verloren“, so Thaler weiter.

Kontroverses Bauwerk mit umstrittener Inschrift

Das Siegesdenkmal nach Entwürfen des römischen Architekten Marcello Piacentini steht seit 1928 zentral in Bozen am Standort des unvollendeten Kaiserschützendenkmals und erregt seit seiner Errichtung die Gemüter. Die Säulen des Prunkbaus haben die Form des Liktorenbündels, welches als Parteisymbol von Mussolinis Partito Nazionale Fascista (PNF) diente. Ab 1926 fand es sich letztlich auch im italienischen Staatswappen wieder.

Für besonderen Unmut sorgen dabei öfter die lateinischen Inschriften, die in Richtung Norden zeigen. Gerade der Teil, dass man von den „Grenzen des Vaterlandes“ aus „die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste“ gebildet hätte, gilt bei Vertretern der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit in der autonomen Provinz als direkter Affront gegen das eigene Volkstum.

Mehrere faschistische Baudenkmäler in Südtirol

Die Erhaltung monumentaler Bauwerke aus jener Epoche ist seit vielen Jahren ein zentrales Element der öffentlichen Identitätsdebatte. Ein Beispiel ist etwa der sogenannte „Kapuziner-Wastl“ in Bruneck, der an jene Alpini erinnert, welche in Äthiopien für Italiens Kolonialbestrebungen kämpften. In Gossensaß, Innichen und Burgeis finden sich zudem sogenannte Beinhäuser im Andenken an italienische Gefallene des ersten Weltkriegs.

Eine breitere Weltöffentlichkeit nahm bereits 1961 Notiz der eskalierenden Debatte, als Mitglieder des Befreiungsausschusses Südtirol im Schutz der Nacht in Waidbruck ein überlebensgroßes Reiterstandbild mit den Gesichtszügen Mussolinis („Aluminium-Duce“) sprengten. Auch das Siegesdenkmal in Bozen wurde 1978 zum Ziel eines Anschlages mit Dynamit, konnte aber erhalten werden. Gegenwärtig steht es unter Denkmalschutz.

5 Comments

5 Comments

  1. Avatar

    Klasube

    11. November 2019 at 16:07

    Egal, welche politische Couleur sich aufregt:
    Bauten und Denkmäler waren und sind Zeugen der Zeit- und Kulturgeschichte und sollten als solche erhalten bleiben.
    Sonst sind wir schnell bei der verschrobenen Ideologie des IS in Palmyra und anderen Kulturstätten und was die dort angerichtet haben – wer fand das schon in Ordnung…?

    • Julian Schernthaner

      Julian Schernthaner

      11. November 2019 at 16:52

      Im Großen und Ganzen bin ich bei Ihnen, fast jedes noch so problematische Bauwerk ist als Zeitzeuge erhaltenswert. Beim Siegesdenkmal ist die Frage allerdings etwas vielschichtiger. Auf der einen beinhaltet es eine Inschrift, welche enorm beleidigend ist und jeder patriotischen Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Weg steht, solange manche Akteure es obendrein quasi als eine Art „Pilgerstätte“ und „Heiligtum“ begreifen. Auf der anderen Seite wurde es mit Absicht an die Stelle eines unfertigen Kaiserjägerdenkmals gebaut, quasi um der Mehrheitsbevölkerung in der Region zu symbolisieren: ‚Unsere Propaganda ist wichtiger als Eure Toten‘.

      Das macht es mMn ein Trum problematischer als zB den Kapuzinerwastl oder die Beinhäuser, bei denen man argumentieren kann, dass die erinnerten Gefallenen ja nichts für die Instrumentalisierung können. Ob ich’s abreißen würde, das liegt nicht im meiner Entscheidung, ich bin kein Politiker. Aber als gebürtiger Tiroler würde ich aber zumindest nicht gerade in Tränen ausbrechen, wenn es der nächste Orkan umwirft. 😛

      • Avatar

        Klasube

        11. November 2019 at 21:20

        „…welche enorm beleidigend ist und jeder patriotischen Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Weg steht, solange manche Akteure es obendrein quasi als eine Art „Pilgerstätte” und „Heiligtum” begreifen.“
        Stimmt schon, aber das gilt (oder galt) auch für diejenigen IS-Terroristen, die mit Äxten und Vorschlaghämmern auf die Inschriften und Statuen vergangener Kulturen einschlugen…!

        • Julian Schernthaner

          Julian Schernthaner

          11. November 2019 at 21:55

          Mit dem kleinen aber feinen Unterschied halt, dass bei den antiken Kulturstätten im Nahen Osten nicht irgendwelche Christen ein Bauwerk auf den Trümmern einer Moschee erbaut haben und auch keine Tafel angebracht haben mit der Behauptung man habe denen erst Kultur und Gesetze bringen müssen. Das hätte ungefähr das Niveau einer Stalin-Statue in der Ukraine mit einer Tafel „hier wurden für die Kommune klassenfeindliche Großgrundbesitzer enteignet“. 😉

          Freilich ist die Thematik gerade in Südtirol für mich emotional mitbehaftet. Aber mehr als einen ziemlich neutralen Artikel zu schreiben kann ich eh nicht. 😀

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            Klasube

            13. November 2019 at 12:14

            „Aber mehr als einen ziemlich neutralen Artikel zu schreiben kann ich eh nicht. ?“
            Gerade das finde ich Klasse und gerade deshalb lese ich Ihre Publikation so gern…!
            Weiter so – ich mache in meinem Bekanntenkreis für Sie Propaganda wo ich kann.

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