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Meinung

Türkische Spieler salutierten: Guter Patriotismus, böser Patriotismus?

Julian Schernthaner

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Im Rahmen der Diskussion um die türkische Militäroffensive im syrischen Kurdengebiet wird auch eine Geste des türkischen Nationalteams zum Gegenstand der Diskussion. Dabei beziehen auch einige deutschen Patrioten eine kuriose Position.

Kolumne von Julian Schernthaner.

Eines vorweg: Mich kann wahrlich wenig für das politische System der Türkei begeistern. Präsident Erdogan halte ich für einen beispiellosen Autokraten, der den Islamismus schleichend salonfähig macht. Dessen Umgang mit Oppositionellen ist gefährlich und sollte bei jedem Demokraten und auch hiesigen Dissidenten die Alarmglocken schrillen lassen. Aber den Türken deshalb auf Basis einer Militäroffensive gleich die Verbundenheit zur eigenen Heimat absprechen zu wollen, ist vermessen. Selbst dann, wenn man die kurdischen Anliegen versteht.

Türkei-Kurden-Konflikt ist vielschichtig

Die Weltöffentlichkeit hat sich im derzeitigen Konflikt einseitig festgelegt: Die böse Türkei geht auf die armen Kurden los und riskiert neuen Krieg in der Region. Ähnliche dualistische Schemata kennen wir bereits aus anderen Konflikten, etwa aus den Balkankriegen. Damals galten Serben als Täter, Bosniaken und später Albaner als Opfer, Kroaten waren ein bisschen von beidem. Wer es wie Handke anders sah, dem will man noch zwanzig Jahre später seine Qualifikation zum Literaturnobelpreis (!) absprechen.

Und genauso wie die dortige Geschichte ungemein komplexer war als dem unbedarften Medienkonsumenten klar scheint, so ist es zwischen der Türkei und den Kurden. Dass letztere den Wunsch nach einem eigenen Staat unter Ihresgleichen hegen, ist wohl allgemein begreiflich. Dass erstere einen solchen nicht auf oder nahe ihres Staatsgebiets entstehen lassen will, aber ebenso. Der Sinn militärischer Intervention eröffnet sich nicht allen. Dass Türken weltweit mit ‚ihren‘ Soldaten mitfiebern, ist dennoch logisch.

Patriotismus: Bei Deutschen hui, bei Türken pfui?

Und nichts anderes ist es eigentlich, wenn das türkische Nationalteam treu seinen Soldaten salutiert. Vielleicht haben ja einige von ihnen einen Freund oder Cousin im Felde, oder zumindest einen Schulkollegen. Es ist eine schön gemeinte patriotische Geste, die besagt: Wir denken an Euch, die um unseren Willens bereit seid, Opfer zu bringen. Und eigentlich sollte man meinen, dass Patrioten in anderen Ländern dies als vorbildliches Verhältnis zur jeweiligen Heimat und deren – zumindest so rezipierten – Schutz sähen.

Einzig: Der bundesrepublikanische Wutbürger macht da nicht mit. In den Kommentarspalten selbst patriotischer Medien fordert man mitunter den Ausschluss der Türkei aus allen UEFA- und FIFA-Bewerben. Noch gestern beklatschte man den Stolz Gaulands auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen, weil deutsche Soldatenehr‘ ja nichts mit der Gesinnung der damaligen Zeit gemein habe. Heute sieht man in jedem Türken, der bei den Seinigen ebenso denkt, bereits einen blutrünstigen Schergen Erdogans.

Keine Debatten nach Freund/Feind-Schema

Freilich, es hat auch offene Fans des Despoten vom Bosporus. Und weil es die sogar unter türkischstämmigen Spielern der deutschen „Mannschaft“ gibt, hagelte es im Vorjahr zurecht eine wochenlange Diskussion. Auch die Frage nach albanischstämmigen Spielern in der Schweizer „Nati“, welche bewusst das serbische Gegenüber mit dem Doppeladler-Jubel provozierten, war völlig zurecht Thema. Diesmal sprechen wir aber von türkischen Spielern, welche für die Türkei spielend Soldaten ebenjener Türkei grüßen.

Eine derartige Loyalitätsbekundung muss man nicht mögen – kann man aber. Und dass es den Deutschen, von denen Umfragen zufolge über 80% nicht bereit wären, für ihr Land zu kämpfen, nicht gefällt, mag man auch verstehen. Und zu guter Letzt kann man diskutieren, ob als politisch deutbare Äußerungen nicht allgemein am Fußballfeld nichts zu suchen haben. Aber diese Debatte wäre ganzheitlich zu führen und nicht einseitig und nach eigenem Freund-/Feind-Schema bar jeder inhaltlicher Vernunft.

Unverständliche Ablehnung patriotischer Gesten

Denn in seltener Einigkeit verdammt man die Geste der türkischen Spieler auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Dass sie vielen Linken anhand ihrer gemeinsamen politischen Ausrichtung mit den maßgeblichen kurdischen Akteuren PKK und YPG sowie ihrer generellen Aversion für jegliche Vaterlandsliebe missfällt, ist dabei irgendwie verständlich. Dies, obgleich sie Bekenntnissen zu politischen Positionen im Stadion generell aufgeschlossen sind, sofern diese ihren eigenen Moralvorstellungen folgen.

Völlig unverständlich ist aber, dass Leute, die sich sonst echauffieren, wenn jemandes Lippen bei der eigenen Hymne geschlossen bleiben, ein Problem mit einer authentisch patriotischen Geste haben. Botho Strauß stellte 1993 fest, dass Deutsche nicht mehr verstünden, „dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen“. Ja, dass sie das gar in ihrer „liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich“ hielten. Selten waren diese zeitlosen Worte so treffsicher.

7 Comments

7 Comments

  1. Avatar

    Klasube

    16. Oktober 2019 at 15:49

    Danke für diesen pragmatischen, nüchternen Kommentar!
    Ich habe die Sache impulsiv anders gesehen, kann mich aber durchaus für Ihre Sichtweise erwärmen. Trotzdem wäre mein Vorschlag, alles Politische und Religiöse vom Spielfeld zu verbannen…!

    • Avatar

      Zickenschulze

      17. Oktober 2019 at 2:58

      Wie soll das gehen? Zu Ende gedacht liegt dann ein Patient mit einem Identitätsproblem vor.
      Mir ist lieber ein zum Patriotismus bekennender, als ein weder Fisch noch Fleisch Produkt.

  2. Avatar

    Heimatvertriebener

    16. Oktober 2019 at 15:55

    Naja, zwischen bei der Hymne nicht mitsingen (man schaue sich nur mal die Italiener an) und einer – vermutlich vorher abgesprochenen – Geschlossenheit zu militärischen Gesten sehe ich schon einen deutlichen Unterschied.

    Es war die türkische Seite, welche die Friedensverhandlungen mit den Kurden abbrach und damit dem Terror wieder die Tür weit öffnete. Alle beteiligten Staaten verwehren den Kurden das Recht auf einen eigenen Staat, teilweise auch auf Autonomie. Für mich ist das besonders Perverse inm jetzigen Konflikt, dass die Kurden gut genug waren, den IS zur Strecke zu bringen, den der Sultan bekanntlich sogar unterstützt hat (Terroristen wurden in türkischen Krankenhäusern gesund gepflegt), und nun hat „der Mohr seine Schuldigkeit getan, der Mohr soll gehn“. Die Amis hätten ja nur vor Ort bleiben müssen. Hätte die Türkei den Überfall trotzdem gewagt? Ich kann es mir nicht vorstellen.

    Nun stellt sich laut deutscher Tagesschau gar die Bündnisfrage. Wo leben wir denn? Der Agressor ist nun mal die Türkei. Sollten dann von der syrischen Luftwaffe Vergeltungsschläge erfolgen, so ist das für mich kein Angriff auf ein NATO-Land. Oder erstellen wir mal den theoretischen Fall, Deutschland würde Österreich oder die Schweiz angreifen. Würden dann etwa Gegenangriffe den Bündnisfall auslösen? Doch wohl kaum.

    Deutschland war ja fast weltweit im und nach dem 2. Weltkrieg auch der alleinige Böse (Österreich das erste Opfer). Von den heutigen Hasstiraden aller linken Gruppen gegen sämtliche deutschen Soldaten ganz zu schweigen.

    Mit den Worten Willy Brandts habe ich schon in einigen Foren unwissende Plapperer zum Erstaunen gebracht. Diese Einstufung gilt natürlich nicht für „Die Tagesstimme“. Aber auch hier stelle ich es gerne noch einmal rein. Die Botschaft kann gar nicht genug verbreitet werden.

    Im Vorwort zum Buch „Der letzte Kampf“ (Schlacht um Berlin) schrieb Willy Brandt, zu der Zeit Regierender Bürgermeister Berlins, folgendes:

    „Cornelius Ryan verdient besondere Anerkennung dafür, dass er dem anständigem deutschen Soldaten Gerechtigkeit widerfahren lässt“.

    • Julian Schernthaner

      Julian Schernthaner

      16. Oktober 2019 at 16:14

      Vielen Dank für den Kommentar. Ja, diese Sichtweise ist mir bekannt – und ich kann ihr die Berechtigung nicht absprechen. Gerade als „Tiroler im Exil“ war ein Teil des Herzens impulsiv auf der Seite des ‚Underdogs‘, der wenn schon keinen eigenen Staat, dann wenigstens ein klein bisschen Autonomie verdient. Dieser Ansicht bin ich inhaltlich prinzipiell immer noch – und an Erdogans Türkei kann ich, bis auf die aus rein staatlicher Sicht sinnvolle Kalmierung eines potenziellen Krisenherds sehr wenig abzugewinnen. Und natürlich hätten sich die Kurden nach ihrem Kampf gegen den IS etwas anderes verdient als neuerdings ein Spielball der Mächte zu sein.

      Allerdings war es für mich wichtig, diese inhaltliche Ebene, die furchtbar komplex ist, nicht sehr stark zu analysieren – sondern vor allem nur das ‚Framework‘ zu geben: Nein, ich bin immer noch kein persönlicher Freund der Türkei unter Erdogan, und ja, für mich haben beide Seiten berechtigte Standpunkte (ist übrigens zB auch meine Sichtweise im Israel/Palästina-Konflikt: Die einen haben ein Recht auf die Heimat, die anderen auf einen durchaus ethnisch definierten Staat, weshalb ich mich auf keine Seite schlage). Für mich ist hier geopolitisches Geplänkel und symbolischer Inhalt klar zu scheiden.

      Meine tatsächliche Kritik beschränkte sich deshalb vor allem auf die Debatte um die Salutgeste und ähnliche patriotische Bekenntnisse. Die muss man nicht mögen, kann sie im vorliegenden Fall albern oder überzogen finden. Aber die Meisten derselben, welche diese nun als besonders verwerflich interpretieren würden johlend und halbverliebt umhertollen, wenn sich die Bundeswehr in welchem Kampf auch immer befände und die Spieler den Soldaten die Ehre erweisen würden. Mir war beim Schreiben bewusst, dass dieser Einwurf meinerseits nicht jedem gefallen würde, insbesondere da es sehr „kontraintuitiv“ ist. Wir rezipieren das Verhalten mancher Türken in unseren Breitengraden zurecht als problematisch (da gegen unsere Leitkultur wirkend). Wir rezipieren das Verhalten Erdogans zurecht als problematisch (aufgrund all der Dinge, die ich im ersten Absatz erwähne usw.).

      Prinzipiell haben die Türken – insbesonders jene, welche ohnehin in der Türkei leben und sich dieser zugehörig fühlen – aber mMn dieselbe Berechtigung, sich zu ihrem Land und dessen Soldaten zu bekennen. Hier hat also beim Schreiben der Gedanke obsiegt, einer derzeit ziemlich einseitig geführten Freund/Feind-Debatte eine zusätzlich Sichtweise hinzuzufügen. Ich werde mich für den spezifischen Patriotismus der Türken inhaltlich nicht so schnell begeistern können – für die Feststellung, dass Vaterlandsliebe bei anderen Völkern der Welt aber noch weitaus normaler zu sein scheint als bei unserem eigenen allerdings sehr wohl. 🙂

      • Avatar

        Heimatvertriebener

        16. Oktober 2019 at 17:23

        So soll es ja auch sein, dass differenzierte Meinungen fair aufeinandertreffen.

        Zusatz: Eben höre ich in B5 aktuell die Aussage von Peter Handke zu den Vorwürfen. Er beklagt, dass 50 Pressevertreter vor seinem Haus stehen, von denen keiner überhaupt was von ihm gelesen hat.

        Inzwischen bin ich ja auch von den offiziellen Versionen, besonders des Vietnam Krieges, aber auch des Jugoslawien Konflikts, abgerückt.

        Übrigens ist gerade der Kosovo für mich das größte Beispiel, was unseren Ländern bei weiterhin unkontrolliertem Zuzug der bekannten Gruppen bevorsteht.

        Eben wurde im selben Sender auch das Urteil über den „Mann“ verkündet, der in Nürnberg drei Frauen mit dem Messer schwer verletzte. Ist der Täter kein irrer Rechtsradikaler, dann ist er halt nur ein „Mann.“

  3. Avatar

    Gerard Frederick

    16. Oktober 2019 at 17:29

    Wir Deutsche sollten von den Türken lernen, anstelle sie zu verdammen. Sie zeigen Solidarität mit ihren Truppen — MY COUNTRY, RIGHT OR WRONG! mAN SCHAUE SICH DIE nationalspieler Chile´s an wenn deren Nationalhymne gespielt wird. Kein einziger der nicht mit voller Stimme, Hand aufs Herz mitsingt. Im Vergleich ist das Verhalten der Deutschen Spieler ankotzend. Ohne jeglichen Stolz und ehrlos, eben wie eine Köterrasse. Unsre Ahnen drehen sich im Grab rum.

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    Heimatvertriebener

    16. Oktober 2019 at 18:39

    Um noch auf Ihren letzten Satz zurückzukommen, Herr Schernthaner. Genauso ist es.
    Deshalb bin ich mir auch sehr sicher, dass bei kriegerischen Handlungen, in die die Bundeswehr ja durchaus auch längst verwickelt ist, keineswegs die große Masse der Türkei Symbol Kritisierer in auch nur entferntester Form halbverliebt umhertollen würde.

    Die Befürworter würden wohl eher schweigen, allenfalls im Netz ihre Meinung kundtun, die Gegner aber würden medienwirksame Straßenblockaden, Lichterketten und Schweigemärsche veranstalten. Ganz nach bewährtem Muster.

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